Das Vorurteil vom „krankhaften“ Triebtäter


Nur bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhundert hinein erhielt sich in wissenschaftlichen Kreisen das Bild eines „geistig gestörten Triebtäters,“ der durch anormale Eigenschaften wie „starker Geschlechtstrieb, Intelligenzdefekte und Alkohol“ gekennzeichnet wurde.
Ein solches wissenschaftliches Bild von diesen missbrauchenden Erwachsenen kann einfacher von der Gesellschaft bestätigt werden, denn tatsächlich begegnet man solchen Leuten doch tatsächlich an den falschen Orten.

Es gibt sie tatsächlich, jeder von uns hat schon solche Leute gesehen odder sogar sprechen müssen. Diese Leute und Orte befinden sich, das ist ja klar, nicht in meinem eigenen persönlichen oder beruflichem Umfeld. Aber es gibt sie, ich bin ihnen begegnet und möchte Ihnen fernbleiben. Das klappt meistens auch meistens, nicht immer.

Das andere und neue wissenschaftliche Bild vom missbrauchenden Erwachsenen (m/w/d) zeigt uns auf, dass diese Unmenschen ansonsten ganz normale Eigenschaften haben und ganz zu unserem sozialen Umfeld gehören.
Kinder missbrauchende Erwachsene sind einfach unentdeckt überall. Sie sind nicht möglicherweise überall, sie sind tatsächlich überall.
Damit kommen wir nicht so einfach klar, weil wir nicht mehr so nach außen auf die anderen zeigen können, sondern uns gegebenenfalls selbst rechtfertigen müssen. Der eine mehr, die andere weniger (oder umgekehrt).

„Was sich heute auf Grund der bisherigen Forschung ganz sicher sagen lässt, ist, dass es den Inzesttäter gar nicht gibt. Sein Persönlichkeitsbild reicht – vereinfacht ausgedrückt – vom geistig normalen, charakterlich und sozial völlig unauffälligen, treusorgenden Familienvater bis zur durch alkoholische Exzesse bereits veränderten Persönlichkeit, deren rationales Steuerungsvermögen eingeschränkt ist.“

Maisch, H. 1968/S.92

Diese Erkenntnis, dass der Täter kein „triebgesteuerter, psychisch kranker“ Mann ist, fällt uns allen immer wieder schwer. Auch aufgeklärte (normale) Erwachsene wollen diese Aussage einfach nicht wahrhaben.
Sie macht Angst, denn ich kann den Täter nicht mehr aus meiner Gesellschaft ausgrenzen. Die Täter entstammen allen sozialen Schichten und Milieus.“ In letzter Konsequenz bedeutet diese Feststellung also, dass es sich nicht um Fremdtäter wie den „bösen fremden Mann“ handelt, sondern um Menschen aus der sozialen Nachbarschaft.

Das sind Bekannte und Verwandte.
Ich kann sie selber nicht erkennen!

Das mit dem sexuellen Missbrauch von Kinder ist eine Sache, die keiner (wahr) haben möchte. Deswegen halten wir lieber an den alten Bildern fest, denn alles andere macht zuviel Angst. Wir verdrängen diese Angst mit den guten alten Vorurteilen, denn die machen weniger Angst!





Tetje Velmede

Tetje Velmede Dipl. Sozialpsychologe (.fr)

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