Kultur als Maßstab Sexualisierter Gewalt

oder „meine Kultur erklärt mir, was ich davon halte“

Betrachtet man das Auftreten sexuellen Missbrauchs innerhalb verschiedener Kulturgruppen, so fällt auf, dass das Erleben von Missbrauchserfahrungen bei den Populationen und Kulturen unterschiedlich ausgeprägt ist.
Ob das beispielsweise damit zusammenhängt, dass je nach Kulturhintergrund unterschiedliche Hemmschwellen bestehen, entsprechende Fragen zu beantworten, oder ob dies durch unterschiedliche Definitionen von Missbrauch bedingt ist, kann nicht vereinfachend beantwortet werden.

Aber um diese späteren Schwierigkeiten soll es hier noch gar nicht gehen. Wir sind noch nicht bei der Ergebnisauswertung und Darstellung. Es ist eben der selbe Kulturhintergrund, der uns alle in seiner Zeit und an seinem Ort geprägt hat. Wir sprechen nicht nur verschiedene Sprachen miteinander. Wir stellen uns das auch einander unterschiedlich vor. Wir sind geprägt von unseren gemeinschaftlichen Standorten und persönlichen Blickpunkten.
Hier geht es um die Fragestellung „Wo fängt sexueller Missbrauch an?“ und „Wann ist es zuviel?
Die Frage nach dem persönlichen Einschreiten ist schwierig. Eine Notwendigkeit für persönliches Einschreiten könnte sein, dass die Befragten aufgrund

kultureller Rahmenbedingungen, wie z.B.

  • enger familiärer Kontakt nach außen;
  • enge Beaufsichtigung durch männliche Familienangehörige;
  • seltenere Teilnahme an Sport und anderen Freizeitaktivitäten;
  • selteneres Übernachten bei anderen Kindern oder im Rahmen von Freizeitfahrten;

weniger Risikosituationen außerhalb der Familie ausgesetzt sind.

Eine andere Erklärung könnte die kulturelle Scham sein, über sexuelle Themen zu sprechen. Zudem zeigte sich in einer Studie über die „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ (Müller & Schröttle, 2004), dass z.B. Frauen mit türkischem Hintergrund deutlich seltener als die osteuropäischen Frauen sowie die Frauen der Hauptuntersuchung durch unbekannte oder flüchtig bekannte Täter sexuell viktimisiert wurden,
sondern vor allem durch (Ex-)Partner und Familienmitglieder.
Auch berichteten die Frauen türkischer Herkunft seltener als die anderen beiden Gruppen über sexuelle Belästigung in anderen Lebenskontexten, was die Autorinnen unter anderem auf das zum Teil stärkere Eingebundensein in Familienstrukturen und die dadurch resultierende seltenere Präsenz in der Öffentlichkeit zurückführen.
Diese Erkenntnisse und die hinsichtlich sexueller Viktimisierung im Erwachsenenalter genannten Erklärungsfaktoren könnten auch für die Interpretation der Ergebnisse zum sexuellen Missbrauch in der Kindheit Relevanz besitzen.

Tetje Velmede

Tetje Velmede Dipl. Sozialpsychologe (.fr)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.